Nachgedacht

(eine nicht ganz ernste Geschichte)

In einer kleinen sizilianischen Bergstadt war ein Pfarrer, der sei­ner Gemeinde die großen Geheimnisse Gottes gern sichtbar ma­chen und handgreiflich nahe bringen wollte. Er hatte viel Phanta­sie dabei. Und so erlebte es die staunende Gemeinde an jedem Pfingstfest, dass nach der Verlesung der Pfingstgeschichte hinter dem Altar eine weiße Taube aufflog. Und wem sich diese Taube auf die Schulter oder gar auf den Kopf setzte, dem, so hieß es, sei in diesem Jahr eine besondere Erleuchtung durch den Heiligen Geist gewiss.
Natürlich wussten die Leute, dass der Pfarrer dem Küster die An­weisung gegeben hatte, sich mit der Taube in der Hand hinter dem Altar zu verbergen und diese Taube am Ende der Pfingstge­schichte in die Luft zu werfen – aber es war trotzdem immer wie­der ein mit Spannung erwarteter Moment, und das Staunen war in jedem Jahr dasselbe. Wo würde die Taube diesmal landen, wel­ches Wunder würde der Heilige Geist in diesem Jahr bewirken?
Denn es hatte sich auf diese Weise schon manches Wunder ange­kündigt. Vor einigen Jahren war die Taube dem Lehrer auf die Schulter geflogen, und der hatte danach ein geistvolles Buch ge­schrieben. Einmal hatte sie sich dem jungen, eingebildeten Grafen auf den Kopf gesetzt, und der ließ auf eigene Kosten eine neue Wasserleitung für die Stadt bauen, die „Wasserleitung des Heili­gen Geistes“, wie sie jetzt hieß. Und in einem Jahr war die Taube auf den Schultern des zwielichtigen, undurchsichtigen Verwalters des städtischen Armenhauses gelandet, und der hatte daraufhin den Entschluss gefasst, mit den Geldern, die er unterschlagen hatte, einen Kinderspielplatz zu bauen. Es war also immer span­nend und zukunftsträchtig, was am Pfingstfest mit der Taube ge­schah.

Dann bekam die Gemeinde jedoch einen jungen, modernen Pfar­rer aus dem Norden. Der hielt nichts von solchen spektakulären Aktionen und von dem Aberglauben, der für die Gemeinde damit verbunden war. Doch so sehr er auch gegen diesen Unfug wet­terte und sich über den Aberglauben lustig machte: Er wagte an Pfingsten dann doch nicht, die weiße Taube einfach abzuschaffen. Er hatte sich – wie er meinte – eine Übergangslösung ausge­dacht: An diesem Pfingstfest sollten alle Fenster und Türen der Kirche weit geöffnet bleiben, denn wenn die Taube, wie er hoffte, den Weg in die Freiheit nehmen würde, statt sich einem Gottes­dienstbesucher auf Kopf oder Schulter zu setzen, würde sich die­ser unsinnige Brauch von selber in Luft auflösen.

Natürlich waren alle Gemeindemitglieder gespannt, was an die­sem Pfingstfest geschehen würde. Die Kirche war noch voller als sonst. Gespannt warteten alle auf das Ende der Pfingstgeschichte. Die Taube flatterte wie jedes Jahr hinter dem Altar hervor. Sie flog drei Runden durch die Kirche, vom Pfarrer und der Gemeinde gespannt mit den Augen verfolgt. Was würde sie tun?
Sie ignorierte die geöffneten Fenster und Türen, flog immer nied­riger – und setzte sich just dem neuen jungen Pfarrer auf die rechte Schulter. Dem war das sehr peinlich, die ganze versam­melte Gemeinde aber wusste sich vor Freude kaum zu halten und applaudierte lange vor Begeisterung.

So kann es gehen, wenn man dem Heiligen Geist zu wenig zu­traut. Und ich bin mir sicher, dass auch der neue junge Pfarrer in der Geschichte im Jahr darauf irgend etwas geistvolles, gutes getan hat, und dass seine Stellung in der Gemeinde fortan viel­leicht etwas besser wurde...

(M. Holthoff)